Zum Hauptinhalt springen

🌐 Code of Practice gemäß EU AI Act – Pflichtprogramm für BaFin-regulierte Unternehmen

Mit dem Inkrafttreten des EU AI Act am 1. August 2024 und der Anwendung zentraler Vorschriften ab 2. August 2025 beginnt für BaFin-regulierte Institute eine neue Ära der KI-Regulierung. Der „Code of Practice“ dient als freiwilliger, aber von der EU-Kommission geförderter Nachweisrahmen, um die Einhaltung des Kapitels V zum Einsatz generischer KI-Modelle (GPAI) zu dokumentieren.

Wichtig: Für viele Institute ist der Code of Practice nicht optional – er wird zur faktischen Erwartung der Aufsicht, besonders wenn KI-Systeme im Eignungsprozess (§ 64 WpHG), Produktvertrieb (§ 63 WpHG) oder in der Risikomessung (MaRisk AT 4.1, AT 8) eingesetzt werden.

Code of Practice gemäß EU AI Act

🛡️ Regulatorischer Rahmen: EU AI Act & deutsche Aufsichtspraxis

Normen Anknüpfung für BaFin-regulierte Institute
EU AI Act – Kapitel V Verpflichtungen für Anbieter/Nutzer von GPAI-Modellen wie ChatGPT, Gemini, Copilot etc.
MaRisk AT 4.3 / AT 7.2 / BT 3.1 Erfordernis einer angemessenen Ausgestaltung von IT und Risiko-Reporting, inkl. Erklärbarkeit
DORA Anforderungen an IKT-Risikomanagement und Drittanbietersteuerung – inkl. KI-Tools
KAGB / WpIG / KWG Organisationspflichten nach § 27 KAGB, § 25a KWG, § 23 WpIG
BaFin-Merkblätter z. B. zu Big Data & KI, Eignung & Angemessenheit, ESG & Algorithmic Bias

🔧 Code of Practice – Konkrete To-Dos nach Risikoklasse

✅ Für alle GPAI-Nutzer in BaFin-Instituten (nicht systemisch)

Verpflichtung 1: Transparenz & Dokumentation

  • Nachvollziehbare Beschreibung des KI-Modells und seiner Funktion

  • Klarstellung zur Trainingsbasis und verwendeten Daten

  • Bereitstellung eines internen Model Cards mit Anwendungsbereich, Limitierungen, Prompt-Beispielen

Verpflichtung 2: Urheberrechtsstrategie

  • Sicherstellung, dass Trainingsdaten keine Rechte Dritter verletzen

  • Integration technischer Schutzmechanismen gegen Reproduktion von urheberrechtlich geschützten Inhalten

Verpflichtung 3: Schnittstelle zur 2nd Line (Compliance & Risk)

  • Frühzeitige Einbindung der Compliance bei Tool-Auswahl

  • Modellfreigabeprozess über zentrale KI-Governance oder Anwendungskomitee

⚠️ Für Nutzer systemisch relevanter GPAI-Modelle (z. B. intern trainierte LLMs, multimodale Systeme)

Verpflichtung 4: Systemische Risikoanalyse

  • Festlegung der Kriterien für Eintrittswahrscheinlichkeit & Schwere

  • Modellübergreifende Analyse von Risiken wie:

    • Fehlausrichtungen (z. B. irreführende Produktempfehlungen)

    • Sicherheitslücken (z. B. Jailbreaks, Prompt Injection)

    • Datenschutzverstöße (z. B. durch Rückverfolgbarkeit von Trainingsdaten)

Verpflichtung 5: Technische Sicherheitsmaßnahmen

  • Maßnahmen wie Zugriffsschutz, SLAs, Auditability

  • Einhaltung eines mindestens RAND SL3-Sicherheitsniveaus

  • Incident Response Procedures für generative Systeme

Verpflichtung 6: Governance-Rahmen

  • Einrichtung eines interdisziplinären „AI Oversight Committees“

  • Dokumentation von Verantwortlichkeiten auf Fachbereichs-, Risiko- und Vorstandsebene

Verpflichtung 7: Meldung schwerwiegender Vorfälle

  • Integration in bestehende DORA-konforme Meldeprozesse

  • Frühwarnsystem bei Bias-Vorfällen, Performanceabweichungen oder Modellverhalten außerhalb der Spezifikation

🗓️ Fristen-Check für Dein Institut

Frist Pflicht Empfohlene Umsetzung
bis Juli 2025 GAP-Analyse: Welche GPAI-Modelle sind im Einsatz? IT + Compliance
bis August 2025 Implementierung des Codes of Practice AI-Verantwortlicher + CISO
ab August 2025 Reporting an das AI Office und interne Nachweise Compliance + Recht
laufend Überwachung & Risikobewertung bei Systemeinsätzen 2nd Line Funktionen

📋 Musterstruktur: AI Code of Practice für BaFin-Institute

1. Einleitung: Anwendungsbereich & Referenz auf AI Act
2. Risikoklassifizierung genutzter Modelle
3. Transparenz- und Dokumentationspflichten (inkl. Model Cards)
4. Urheberrechtsstrategie & technische Absicherungen
5. Systemische Risikoanalyse (nur GPAISR)
6. Governance-Strukturen & Verantwortlichkeiten
7. Incident Management & Meldeverfahren (inkl. BaFin)
8. Überwachung, Angemessenheitsprüfung & externe Gutachten
9. Schutz vor Vergeltungsmaßnahmen (Whistleblower)
10. Reporting an das AI Office

📋 Überblick zu KI-Verpflichtungen nach AI Act im Abgleich mit MaRisk / DORA – inklusive To-Dos für Finanzinstitute

🔍 Transparenzpflichten (Art. 53 Abs. 1 lit. a-b)

  • AI Act Verpflichtung:

    • Offenlegung, dass KI-Systeme verwendet werden

    • Transparenz über Funktionen und Grenzen der Systeme

  • MaRisk / DORA Bezug:

    • MaRisk AT 7.2 (Datenmanagement)

    • ZAIT (Dokumentation KI-basierter Verfahren)

  • To-Do im Institut:

    • Dokumentation der eingesetzten Modelle

    • Erstellung einer Offenlegungsrichtlinie für GPAI-Systeme

📚 Urheberrechtspflichten (Art. 53 Abs. 1 lit. c-d)

  • AI Act Verpflichtung:

    • Angabe urheberrechtlich geschützter Daten

    • Nachweis über Lizenzen und Rechte

  • MaRisk / DORA Bezug:

    • MaRisk AT 4.3.1 (Compliance-Funktion)

    • DSGVO

    • ZAIT (sichere Nutzung und Prüfung externer Daten)

  • To-Do im Institut:

    • Entwicklung einer Copyrightstrategie

    • Nachweis über Quellen, Rechte und Lizenzen sicherstellen

⚠️ Systemische Risikobewertung (Art. 55)

  • AI Act Verpflichtung:

    • Bewertung systemischer Risiken bei GPAI-Systemen

  • MaRisk / DORA Bezug:

    • MaRisk AT 4.1 (Risikomanagement)

    • MaRisk BT 3.1 (Risikoanalyse)

    • DORA Art. 5–6 (IKT-Risikomanagement)

  • To-Do im Institut:

    • Aufbau eines Risikoanalyseprozesses speziell für GPAI-Systeme

    • Identifikation von Systemrelevanz

🏛️ Governance-Rahmen (Art. 56)

  • AI Act Verpflichtung:

    • Einführung von Governance-Strukturen für GPAI-Systeme

  • MaRisk / DORA Bezug:

    • MaRisk AT 4.3.2 (Verantwortlichkeiten & Prozesse)

    • DORA Kapitel III (Governance & Organisation)

  • To-Do im Institut:

    • Definition von Rollen, Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten

    • Etablierung eines KI-Governance-Rahmens

📣 Meldung schwerwiegender Vorfälle (Art. 56(5))

  • AI Act Verpflichtung:

    • Pflicht zur Meldung an das AI Office bei schwerwiegenden Incidents

  • MaRisk / DORA Bezug:

    • DORA Art. 19 + 20 (Meldepflichten)

    • MaRisk AT 8.2 (Störfallmanagement)

  • To-Do im Institut:

    • Aufbau eines Meldeprozesses an BaFin & AI Office

    • Integration ins bestehende Incident-Reporting

🛡️ Schutz vor Vergeltung (Art. 56(5))

  • AI Act Verpflichtung:

    • Schutz von Whistleblowern im KI-Kontext

  • MaRisk / DORA Bezug:

    • MaRisk AT 6 (Integrität und Verhalten)

    • Hinweisgeberschutzgesetz

  • To-Do im Institut:

    • Mitarbeiterschulung zu Hinweisgebersystemen

    • Sicherstellung von Schutzmaßnahmen bei Meldungen

🧾 Externe Evaluation (Art. 56(6))

  • AI Act Verpflichtung:

    • Pflicht zur externen Bewertung bei bestimmten GPAI-Systemen

  • MaRisk / DORA Bezug:

    • MaRisk AT 4.4 (Kontrollhandlungen)

    • DORA Art. 10 Abs. 2 (externe Prüfpflichten)

  • To-Do im Institut:

    • Einbindung externer Gutachter zur Bewertung von GPAISR

    • Dokumentation der Evaluationsprozesse

📝 Berichtspflicht an AI Office (Art. 56(4-6))

  • AI Act Verpflichtung:

    • Regelmäßige Berichte über Systemeinsatz, Risiken und Vorfälle

  • MaRisk / DORA Bezug:

    • DORA Art. 15 (Berichtswesen)

    • MaRisk BT 3.2 (Risikoberichterstattung)

  • To-Do im Institut:

    • Aufbau eines Reportingprozesses für GPAI-Systeme

    • Erstellung eines AI Model Reports

✅ Fazit: BaFin-konform, AI-ready

Ob Du eine KVG, ein Wertpapierinstitut oder ein digitalaffines FinTech bist – der Code of Practice wird zur regulatorischen Erwartungshaltung. Der AI Act ist kein IT-Thema, sondern betrifft direkt Deine Governance, Compliance und Geschäftsmodelle.

Ein sauber aufgesetzter und auditierbarer Verhaltenskodex schützt Dein Institut vor Aufsichtsmaßnahmen, Reputationsverlust und operativen Risiken – und ist zugleich ein Wettbewerbsvorteil im digitalen Finanzmarkt.


🛡️ Abgleich der Code of Practice-Verpflichtungen mit den relevanten Artikeln aus der DORA-Verordnung (EU) 2022/2554

Damit du die neuen Anforderungen besser einordnen und umsetzen kannst, findest du nachfolgend eine Checkliste mit den wichtigsten Pflichten aus dem Code of Practice und den dazugehörigen DORA-Artikeln.


🌐 Verpflichtung im Code of Practice

Relevanter Artikel in DORA

Kurzbeschreibung aus DORA

🌐 I.1 Dokumentation & Transparenz Art. 5 & Art. 15 Anforderungen an die IKT-Dokumentation, einschließlich Inventar von IKT-Assets und Nachweisdokumentation für IKT-Risiken.
🌐 I.2 Urheberrecht & Trainingsdatenstrategie Art. 24 lit. c i.V.m. Art. 6 Abs. 8 lit. a & Art. 13 Abs. 6 Verlangt klare Strategien zur Nutzung geschützter Daten und Förderung von Schulung zur digitalen Resilienz.
🌐 II.1 Sicherheitsrahmen für systemische GPAI-Modelle Art. 6 Abs. 8 lit. a–b Digitale Resilienzstrategie inkl. Toleranzschwelle für IKT-Risiken und organisatorischer Verantwortung.
🌐 II.2 Systemische Risikobewertung Art. 6, Art. 8, Art. 9 Identifikation, Kontrolle und Bewertung von Risiken über den gesamten Modelllebenszyklus hinweg.
🌐 II.3 Identifikation systemischer Risiken Art. 11 Abs. 3 & Art. 13 Verpflichtung zur systematischen Bewertung von Risiken in Krisensituationen sowie Schulung der Mitarbeitenden.
🌐 II.4 Systemische Risikoanalyse Art. 11 Abs. 1 & 6 Tests und Notfallwiederherstellungspläne für den Fall von Versagen kritischer Systeme.
🌐 II.5 Akzeptanzbewertung systemischer Risiken Art. 6 Abs. 8 lit. b & Art. 15 Abs. 1 lit. b Vorgaben zur Risikotoleranzschwelle und Risikoanalyse auf Managementebene.
🌐 II.6 Technische Sicherheitsmaßnahmen Art. 10 & Art. 9 Abs. 3 Maßnahmen zur Prävention, Erkennung und Reaktion auf IKT-bezogene Vorfälle.
🌐 II.7 Schutz von Modellgewichten (SL3–SL5) Art. 9 Abs. 3 & Art. 10 Abs. 1–3 Absicherung von kritischen IKT-Assets, Authentizität, Integrität und Vertraulichkeit.
🌐 II.8 Sicherheitsmodellberichte Art. 17, Art. 25 & Art. 11 Abs. 6 Verpflichtung zur strukturierten Berichterstattung über schwerwiegende IKT-Vorfälle und Resilienzpläne.
🌐 II.9 Angemessenheitsprüfungen des Sicherheitsrahmens Art. 15 Abs. 1 lit. a & b Kontinuierliche Überprüfung und Verbesserung des IKT-Rahmens.
🌐 II.10 Verantwortungsverteilung bei Systemrisiken Art. 6 Abs. 8 lit. a, b & d Pflichten des Leitungsorgans zur Steuerung der digitalen operationellen Resilienz.
🌐 II.11 Externe Bewertungen vor Inverkehrbringen Art. 20 & 21 Durchführung von Resilienztests und Sicherstellung externer IKT-Audits.
🌐 II.12 Meldung schwerwiegender Vorfälle Art. 17, 18 & 25 Verpflichtung zur unverzüglichen Meldung an Aufsichtsbehörden mit Verfahren und Fristen.
🌐 II.13 Schutz von Hinweisgebern Art. 17 Abs. 2 lit. c & Art. 15 Abs. 1 lit. e Vertrauliche Meldekanäle, Schutz vor Repressalien bei Hinweisgabe.
🌐 II.14 Kommunikation mit Aufsicht (AI Office, BaFin) Art. 25 & Art. 31 Abs. 2 Austausch mit zuständigen Behörden und Übermittlung von Risikodokumentationen.
🌐 II.15 Dokumentationspflichten Art. 5 Abs. 2 & Art. 15 Abs. 1 lit. a–b Technische und organisatorische Dokumentation aller IKT-Assets und -Kontrollen.
🌐 II.16 Öffentliche Transparenz über systemische Risiken Art. 32 Abs. 6 & Art. 33 Transparente Kommunikation der Risiken kritischer IKT-Dienstleister.


Achim Schulz
Über den Autor

Achim Schulz

Geschäftsführer S+P Compliance & S+P Unternehmerforum · langjährige Vorstands- & Geschäftsführungserfahrung

Achim Schulz kennt die Führungsebene aus eigener Verantwortung – langjährig als Vorstand bei Banken und Geschäftsführer sowie als Interim-Manager in Industrieunternehmen. Diese Doppelperspektive aus Finanzsektor und Realwirtschaft prägt seine Beiträge für CEO, COO und CFO. Er kennt das Zusammenspiel von Geschäftsleitung, Aufsichtsrat und Gesellschaftern aus der Praxis und übersetzt strategische wie aufsichtsrechtliche Anforderungen in umsetzbare, haftungssichere Führungsentscheidungen – praxisnah und auf Augenhöhe mit dem Management.

LinkedIn-Profil →